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Foto: Rico Prauss

Rede von Dietmar Bartsch am 30.01.2026

Rede von Dietmar Bartsch,

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zu Beginn auf die wunderbare Ausstellung im Paul-Löbe-Haus verweisen und auf die eindrucksvolle Schilderung von Tova Friedman vor zwei Tagen. Das alles hat meines Erachtens sehr viel mit dem Wirken von Konrad Adenauer zu tun. Ich kann mich aus Zeitgründen nicht umfangreich damit auseinandersetzen.

Zunächst will ich festhalten, dass Konrad Adenauer als Kölner Oberbürgermeister Haltung und Anstand bewiesen hat, als er sich nämlich 1933 geweigert hat, für Adolf Hitler den roten Teppich auszurollen und in seiner Stadt Hakenkreuzflaggen zu hissen. Das war nicht irgendwas. Er war bereit, einen Preis zu zahlen. Er wurde aus dem Amt gedrängt und nach dem Röhm-Putsch sogar kurz verhaftet. Meine Damen und Herren, aber gleichzeitig ist auch wahr, dass Konrad Adenauer für eine Regierungsbeteiligung der NSDAP in Preußen plädierte. Gehört auch mit zur Wahrheit – Licht und Schatten. Eine klare Botschaft muss von diesem Tag ausgehen, auch im Gedenken an Konrad Adenauer und nach der Rede von Tova Friedman: Nie wieder mit Rechtsradikalen! Nie wieder mit Faschisten! – Da hat Toni Hofreiter ausdrücklich recht.

(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, die Leistung des Parlamentarischen Rates, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Schaffung des Grundgesetzes, Artikel 1, das alles ist mit Konrad Adenauer verknüpft, auch wenn Theodor Heuss – und ich will ihn zitieren – angemerkt hat: „Von Adenauer stammt kein Komma.“ Das schmälert aber seine Verdienste keinesfalls.

Meine Damen und Herren, zur Wahrheit gehört aber auch, dass Adenauer persönlich auf ehemalige NSDAP-Mitglieder gesetzt hat. Es waren Hitlers Beamte und Diplomaten, die die Bonner Republik prägten. Hans Globke, um nur diesen Namen zu nennen, leitete das Kanzleramt, und er war an den Gesetzen zur Gleichschaltung in der NS-Zeit mitbeteiligt. Das „J“ in den Pässen von Juden ist auch auf ihn zurückgegangen. Zu Adenauers lapidarem Kommentar, der eben schon zitiert worden ist: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat“, sage ich ganz klar: „Nein, meine Damen und Herren, dann lassen Sie uns kurzzeitig auf dem Trockenen stehen, aber niemals mit Rechtsradikalen und Faschisten!“

(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ein letzter Aspekt sei mir gestattet, meine Damen und Herren. Konrad Adenauer war überzeugter Marktwirtschaftler, und er war trotzdem bereit, finanzielle Lasten zu teilen. Der sogenannte Lastenausgleich war ein Akt größter Solidarität. Man muss sich das mal vorstellen: Westdeutsche, die einen Betrieb, Barvermögen oder was auch immer hatten, haben eine Vermögensabgabe entrichtet. Konkret hieß das: Wer zum Stichtag 1952 ein Haus im Wert von, sagen wir mal: 100 000 D-Mark hatte, der musste 50 000 D-Mark zahlen. Heute würde sich ja nicht mal Die Linke trauen, so was vorzuschlagen. Wir sind da viel, viel bescheidener. Ich habe ja selber das Konzept zur Vermögensabgabe mit erarbeitet. Meine Damen und Herren, das ist gigantisch viel.

Heute machen Sie Rekordschulden, während die Vermögen von Milliardären explodieren. Das alles ist inakzeptabel. Sie verklären Adenauer oftmals, ich vielleicht hier und da auch. Aber in dieser Frage kann ich nur sagen: Wagen Sie mehr Adenauer, damit Vernunft und Zusammenhalt erhalten bleiben.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der Linken)