Vielen Dank. – Herr Präsident! Virginia Giuffre war 16, als Ghislaine Maxwell sie fragte, ob sie als Masseurin für Jeffrey Epstein arbeiten wolle. Sie arbeitete zu dem Zeitpunkt in Trumps Anwesen auf Mar-a-Lago an der Rezeption. Virginia hatte ein gewaltvolles Leben. Sie hatte bereits sexualisierte Gewalt erlebt, sie hatte auf der Straße gelebt – in so jungen Jahren. Bei ihrem ersten Treffen vergewaltigte Epstein sie. Drei Jahre später befreite sie sich aus seinen Fängen. Mit 41 Jahren starb sie.
Ich war 17. Er war 34. Er lockte mich unter dem Vorwand, einen Film mit Klassenkameraden zu gucken, in seine Wohnung. Früher arbeitete er an meiner Schule. Es war spät, ich war allein, und ich wusste nicht, wie ich nach Hause komme. Als ich ankam, waren keine Klassenkameraden da.
3 Millionen Aktenseiten gibt es zu Epsteins Gewaltnetzwerk. Mächtige Namen verschwinden hinter schwarzen Balken, und gleichzeitig tauchen Infos auf, die Betroffene identifizierbar machen, sogar mit Fotos. Es ist ein absoluter Skandal, wie die Rechte von betroffenen Mädchen hier missachtet wurden. Denn das muss man auch leider klar benennen: Minderjährige Frauen gibt es nicht! Es waren Mädchen!
(Beifall bei der Linken, der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Und diejenigen, die wir heute sehen, sind keine Opfer; sie sind Überlebende.
Im medialen Echo macht sich Entsetzen breit, aber auch Voyeurismus, eine Art angewiderte Faszination. Das ist aber kein Sexskandal; das ist ein Gewaltskandal.
(Beifall bei der Linken, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Es geht immer um Machtausübung und Kontrolle, nicht um Sex. Und während sich Männer mit Verschwörungstheorien in den Vordergrund drängen, geht eine Sache unter: die Mädchen und das, was sie gebraucht hätten, was sie heute als erwachsene Frauen brauchen.
Eine Betroffene von Jeffrey Epsteins Netzwerk, die nur unter dem Pseudonym „Jane Doe“ bekannt ist, schreibt in ihrem Tagebuch: Es waren „Männer, die klug über Harvard redeten, aber schlimmer als Tiere handelten.“ – Zu einem Zeitungsartikel, der von Kinderprostituierten handelte, kommentierte sie: Es gibt keine Kinderprostituierten, nur Kinder, die nicht zustimmen konnten.
Eine Überraschung sollten die Enthüllungen nicht sein, wenn man Betroffenen geglaubt hätte. Denn sie haben uns schon seit Jahren erzählt und erzählen uns auch heute, was vorgeht.
Betroffene wie Lena Jensen, wie die Bonnies, wie Katha Rosa und viele weitere haben letzte Woche eine Kundgebung hier vor dem Kanzleramt organisiert. Lena sagte: „Wir stehen hier für die Kinder, die wir einmal waren.“ Die von ihnen gegründete Bewegung „Justice for Survivors“ fordert Sichtbarkeit und Aufklärungsarbeit für das Thema „sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“, Konsequenzen für die Täterinnen und Täter und vereinfachte Hilfsangebote für Betroffene. Und ich finde, es ist Zeit, dass ihre Forderungen hier Gehör finden
(Beifall bei der Linken, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Im Epstein-Komplex gibt es mindestens 1 000 Betroffene. Sie halten sich zurück, weil sie zu Recht Angst davor haben, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie öffentlich diffamiert werden und dass sie in existenzielle Nöte gebracht werden, wenn sie ihre Geschichten erzählen. Finanzielle Nöte haben aber auch diejenigen, die in Deutschland einen Antrag an den Fonds Sexueller Missbrauch gestellt haben. Denn dieser Fonds, die einzige praktische Hilfe für Betroffene, wurde rückwirkend eingestampft. Und obwohl das schon Monate her ist, hat die Bundesregierung immer noch keine Lösungsvorschläge vorgelegt.
Auch in Deutschland gibt es Jeffrey Epsteins. Sie werden aber geschützt von einem Staat, der es hinnimmt, dass es sich nicht lohnt, sexualisierte Gewalt anzuzeigen, weil zwei Drittel der Verfahren sowieso eingestellt werden, weil eine Politikblase lieber darüber diskutiert, Social Media für Jugendliche zu verbieten, statt überhaupt in Erwägung zu ziehen, diese riesigen Techkonzerne einmal zu regulieren.
In Frankreich wurde eine Sonderermittlung eingeleitet; auch in Polen, Norwegen und Großbritannien wird ermittelt. Aber in Deutschland? Kein einziges Wort von Friedrich Merz. Betroffene von ähnlichen Gewaltnetzwerken suchen nach Politikerinnen und Politikern, die hinhören – vergeblich. Man sehe keinen Anlass zu Ermittlungen, sagte ein Regierungssprecher. Was muss noch passieren, damit wir Betroffenen glauben?
(Beifall bei der Linken und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Deswegen hier einige Sätze, die viel zu selten gesagt werden: Wir glauben dir. Du bist nicht schuld. Und es tut mir leid, dass wir dich nicht gesehen haben.
(Beifall bei der Linken und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Diana Herbstreuth [CDU/CSU])
