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Menschen sind keine Kostenstellen.

von Cansin Köktürk,

Frau Präsidentin! Abgeordnete! Ich bin vor etwas mehr als einem Jahr in den Deutschen Bundestag gekommen, aus der sozialen Arbeit ins Parlament: aus Notwendigkeit, weil Menschen in Notunterkünften in Deutschland unter unwürdigen Bedingungen leben müssen, weil Kinder in diesem Unsozialstaat mit sanktioniert werden, weil jeder sechste Mensch in Deutschland von Armut betroffen ist, weil Arbeit für Menschen nicht zum Leben reicht, weil angeblich das Bürgergeld zum Leben reicht, weil Menschenrechte in diesem Land selektiv sind. Mit dieser Realität bin ich hier. Und eine Frage hat mich als Sozialarbeiterin immer begleitet: Wer ist eigentlich verantwortlich für all das?

Die AfD sagt, man solle Geflüchtete beschuldigen. Diese Antworten sind mir zu einfach. Ich verstehe, dass Menschen draußen Antworten wollen. Aber ich weiß: Ihre Probleme werden nicht verschwinden, nur weil weniger Schutzsuchende hier leben. Ihre Miete wird dadurch nicht sinken, ihr Lohn wird dadurch nicht steigen, und ihre Rente wird dadurch nicht sicherer. Ihr Leben wird aber besser, wenn zum Beispiel Überreiche für ihre Milliarden höhere Steuern zahlen würden.

(Beifall bei der Linken)

Jedes Mal, wenn ich hier stehe, bin ich froh, dass ich keiner von Ihnen bin. Denn ich kann noch fühlen.

(Dr. Michael Blos [AfD]: Sagen Sie doch lieber mal was zum Thema „Zuwanderung und Antisemitismus“!)

Wenn ich dieses Parlament betrete, spüre ich neben Wut vor allem eins: Trauer. Mich macht es tieftraurig, dass draußen vor dem Bundestag Menschen auf dem kalten Boden liegen. Mich macht es traurig, wenn Menschen nur arbeiten, um zu überleben, und ihr Leben an ihnen vorbeizieht und es Sie hier nicht kümmert. Ich bin aber froh, dass ich mir diese Trauer nicht abgewöhnt habe, weil mir die Welt wichtig ist.

Ich könnte den Antrag der AfD inhaltlich auseinandernehmen.

(Jan Feser [AfD]: Das wage ich mal zu bezweifeln!)

Ich könnte Zahlen nennen, Widersprüche aufzeigen und Behauptungen widerlegen.

(Zurufe von der AfD)

Aber ich weigere mich, meine Redezeit dafür zu verwenden, den Kosten-Nutzen eines Menschen zu diskutieren.

(Beifall bei der Linken)

Viel wichtiger: Für wen macht die AfD also eigentlich Politik? Bei der Migration entdecken Sie plötzlich Ihre Liebe zu Zahlen und Statistiken. Beim Klimaschutz wird Wissenschaft geleugnet.

(Zuruf von der AfD)

Das muss man sich auch mal reinziehen: Circa 16 000 Hitzetote in diesem Jahr, Zahl steigend, und es juckt Sie nicht. Mutter Erde lacht Sie aus.

(Beifall bei der Linken)

Sie stehen angeblich auf der Seite der Arbeiter/-innen. Sie haben nicht dafür gestimmt, dass Millionen Beschäftigte den Mindestlohn bekommen. In dem Zuge haben Sie dieses Jahr beantragt, die Vermögensteuer abzuschaffen,

(Zuruf von der AfD)

also eine Steuer, die Menschen aktiv mehr Vorteile in diesem Land bringen würde. Also: Für wen machen Sie eigentlich Politik?

(Beifall bei der Linken)

Seit ich hier bin, kann ich immer besser verstehen, warum so viele Menschen dieses Vertrauen verlieren. Aber die Antwort darauf kann nicht Hass sein, sondern: Wer trägt Verantwortung? Wer verfügt über Macht? Und wer profitiert hier wirklich von dem Leid?

(Zuruf des Abg. Dr. Michael Blos [AfD])

Sie können versuchen, Hass zu normalisieren; aber Sie werden es nicht schaffen, dass Mitgefühl aufhört. Menschlichkeit ist keine Gegenleistung.

(Beifall bei Abgeordneten der Linken)

Ich werde nicht aufhören, an das Gute im Menschen zu glauben.

Nur weil Ihr Hass ekelerregend laut ist, bedeutet das nicht, dass Mitgefühl verschwunden ist. Nur weil Ihre Kaltblütigkeit gerade viel Raum einnimmt, bedeutet das nicht,

(Zuruf des Abg. René Bochmann [AfD])

dass Solidarität gerade nicht noch kräftiger wird. Denn eine Welt, in der Menschlichkeit wichtiger ist als Geld, ist keine Schwäche, vor der wir Angst haben müssen. Sie ist die stärkste Welt, die wir schaffen können.

Ich verspreche Ihnen: Wir werden Sie stoppen!

Vielen Dank.

(Beifall bei der Linken – Zuruf des Abg. Dr. Michael Blos [AfD])